Allein in einem fremden Land ohne Sprache und Freunde
Ein Tagebuch wurde mein einziger Gesprächspartner
Autorin: Alina, 28. Berlin (früher Jekaterinburg).
Wenn ich Menschen sage, dass ich in Berlin lebe, stellen sie sich Partys, Freiheit und eine kreative Szene vor. Wenn ich Deutschen sage, dass ich in Berlin lebe, nicken sie mitfühlend: „Berlin ist nicht Deutschland, Berlin ist eine andere Welt.“
Aber niemand kennt die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass ich in den ersten sechs Monaten in Deutschland nur mit einer Kassiererin im Supermarkt und mit der Katze der Nachbarin gesprochen habe.
Ich bin wegen der Arbeit umgezogen. Tolles Angebot, internationale Firma, Karriere. Ein Traumjob. Aber der Traum war auf Deutsch, einer Sprache, die ich nicht konnte, und in einer Stadt, in der ich keinen einzigen Freund hatte.
Teil 1. Sprachlicher Zusammenbruch
Im Büro sprach jeder Englisch. Kein Problem. Aber sobald ich das Büro verließ, wurde ich zu einem stummen Kind.
In Cafés zeigte ich auf die Speisekarte. In der Apotheke zeigte ich auf Bilder von Medikamenten. Als die Waschmaschine kaputt ging, weinte ich den ganzen Abend, weil ich keinen Handwerker rufen konnte.
Am schlimmsten war die U-Bahn. Menschen überall, fremde Sprache überall, und ich fühlte mich wie eine Ameise in einem riesigen Ameisenhaufen.
Teil 2. Ein Tagebuch statt eines Freundes
Ich begann zufällig, Tagebuch zu schreiben. Und ich begann zu reden. In das Tagebuch.
Zuerst waren es Beschwerden. Dann begann ich kleine Dinge und kleine Siege zu bemerken.
Das Tagebuch wurde mein bester Freund. Der geduldigste auf der Welt. Ich konnte ihm alles erzählen: Angst, Einsamkeit, Heimweh und kleine Siege.
Teil 3. Der Punkt ohne Rückkehr
Nach einem halben Jahr passierte etwas, das ich „Punkt ohne Rückkehr“ nenne.
In einem Deutschkurs gab mir eine türkische Frau namens Fatima ein Apfel und sagte: „Du bist traurig. Iss. Es wird besser.“
Ich weinte im Unterricht. Weil jemand bemerkt hatte, dass ich existiere.
An diesem Abend schrieb ich in mein Tagebuch: „Heute hat Fatima mir einen Apfel gegeben. Wir konnten kaum sprechen, aber ich habe verstanden: Freundlichkeit braucht keine Sprache.“
Von diesem Moment an änderte sich alles.
Teil 4. Ein Jahr später
Jetzt lebe ich seit zwei Jahren in Berlin. Ich habe Freunde, ich spreche Deutsch, und ich weiß, wo es den besten Kaffee gibt.
Als ich meine alten Tagebucheinträge gelesen habe, erkannte ich mich selbst nicht mehr. Dieses Mädchen war verängstigt und verloren. Ich wollte sie umarmen und sagen: „Alles wird gut. Du schaffst das.“
Das Tagebuch wurde zur Chronik meiner Verwandlung.
Erkenntnis: Du bist nicht allein, auch wenn du einsam bist
Emigration bedeutet nicht nur, das Land zu wechseln. Es bedeutet, sich selbst zu begegnen.
Und wenn du einen Ort hast, an dem du ehrlich sein kannst — wirst du es schaffen. Für mich war dieser Ort mein Tagebuch.
P.S.
Fatima und ich sind immer noch Freunde. Manchmal kommen die wichtigsten Menschen im unerwartetsten Moment mit dem einfachsten Geschenk.